Migration in Bergedorf – fördern statt fordern

KinderDie jüngst veröffentlichten Studien lassen  viel Spielraum für Mutmaßungen gegenüber manchen in Bergedorf lebenden Minderheiten zu. Sieht man in die Tageszeitungen, scheint schnell deutlich: Viele Migrantinnen und Migranten sind, was die Integrationsleistungen angeht, weit hinten. Doch der Schein trügt.

In unserem Bezirk Bergedorf leben etwa 2.200 Menschen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit.  Die Zahl von BürgerInnen mit Migrationshintergrund, d.h. auch Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft ist dabei nicht einmal berücksichtigt. Ob es der türkische Gemüsehändler ist, bei dem wir am Bahnhofsvorplatz unsere Tomaten kaufen oder der russische Feinkosthändler an der Alten Holstenstraße – ihnen wird von Seiten der Regierung nur allzu oft Unrecht getan. Der bürgerliche Block in den Rathäusern äußert sich – kaum ist eine weitere rassistische Studie veröffentlicht –sofort und weist auf den mangelnden Integrationswillen von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund hin. Und fast immer wird vergessen, dass Integration auf einer zweigleisigen Schiene verläuft.
Viele Studien schüren Vorurteile gegenüber bestimmten Migrantengruppen und werden teilweise falsch interpretiert. Denn führen wir uns vor Augen:  Man kann bestimmten Bevölkerungsgruppen nicht diagnostizieren, sie wären weniger integrationsbereit als andere, sie dann aber teilweise von gesellschaftlicher Teilhabe ausschließen. MigrantInnen haben grundlegend schwierigere Bedingungen, vor allem in der Arbeitswelt.

Ein Beispiel: Viele MigrantInnen der ersten und zweiten Generationen wurden als ungelernte Gastarbeiter in asbestverseuchten Fabriken in und um Bergedorf angeworben. Diese Jobs sind nach dem Strukturwandel verloren gegangen. Das bedeutet gleichzeitig, dass viele Einwanderer seit dem Strukturwandel in der Bundesrepublik die Teilhabe am neuen Arbeitsmarkt praktisch verwehrt bleibt. Man kann also nicht behaupten, dass ein arbeitsloser Migrant weniger integriert ist als ein anderer.

Wenn beispielsweise allein die Tatsache, ob jemand integriert ist oder nicht, am Vorhandensein der deutschen Staatsbürgerschaft abhängig gemacht wird oder nicht, dann bestehen erhebliche Zweifel an der Verwertbarkeit solcher Studien.  Auch besteht in Bergedorf und Hamburg weiterhin das Problem, dass bestimmte Abschlüsse von Migrantinnen und Migranten aus Nicht-EU-Staaten  oft nicht anerkannt werden.  Von  allen Versäumnissen abgesehen hat sich  die Bundesrepublik  fast sechzig Jahre davor gesträubt, einzugestehen, dass es ein Einwanderungsland ist.  Dies geschah erst 2003, Jahrzehnte nach den westlichen europäischen Staaten, die dieses Defizit teilweise kurz nach dem Zweiten Weltkrieg behoben haben.

Es sind sechzig Jahre Versäumnisse von Seiten der deutschen Politik, die ihren Verpflichtungen schlichtweg  nicht nach kam.  Deshalb warnen auch viele renomierte Migrationsforscher vor einer Überbewertung dieser Studien. Fangen wir also an, Möglichkeiten zur Integration zu schaffen, statt ständig Forderungen und Vorwürfe hinauszuschreien.
Denn es ist kein ethnisches Problem, sondern ein auf Armut vieler Schichten begründetes Defizit. Deshalb lassen wir uns in Bergedorf nicht von solchen Studien einlullen. Die meisten Bergedorfer haben längst begriffen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Und dass alle Bergedorfer –ob Deutschstämmig oder nicht- die Probleme nur gemeinsam bewältigen können.

Bild: WDR.de

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